Dirigent


Es soll an einigen Beispielen gezeigt werden, daß es sich bei Hans Chemin-Petit um eine angesehene Dirigentenpersönlichkeit handelt.
 
Schon mit 23 Jahren erhielt Chemin-Petit durch Wolfgang Zeller und Heinz Tiessen eine Empfehlung für eine feste Dirigentenstelle als Hauskapellmeister für eines der Barnowsky-Theater. – 1931 wurde er von Georg Schumann für die Anstellung als Dirigent an der Kaiserlichen Musik-Akademie in Tokyo empfohlen. Persönliche Gründe zwangen ihn zur Absage. – 1933 heißt es in einem Gutachten über eine längere Vertretungszeit beim Magdeburger Domchor und Reblingschen Gesangverein, daß sie „für die geleistete Arbeit das beste Zeugnis ausstellen können, für vortreffliche Arbeit und glückliche Hand in pädagogischer Hinsicht, […] für die freudige, Sänger und Hörer mitreißende Art der Domchorführung. […] „
In einer Kritik von 1933 wird nach einem Orchesterkonzert in Magdeburg von einem eindeutigen Dirigiertalent geschrieben, von einer „gelösten, schwunghaften und durchsichtigen Art“. – Hans Joachim Moser attestiert ihm im selben Jahr „ein ganz ausgesprochenes Dirigiertalent“. – Im Februar 1934 löste ein Konzert mit dem Philharmonischen Orchester Berlin und Wilhelm Kempff als Solist mit Bach und Mozart „hellen Jubel“ aus.
Danach erhielt Chemin-Petit auf persönliche Veranlassung Wilhelm Furtwänglers die Aufforderung, eine Reihe von zehn Konzerten dessen Orchesters zu übernehmen. Aktuelle gesundheitliche Einschränkungen verhinderten eine Zusage. – 1942 bescheinigte ihm Wilhelm Furtwängler, daß er ihn „als einen hervorragenden Musiker mit ausgezeichneten Dirigiereigenschaften kenne, wie es in ganz Deutschland nur wenige gibt“. Und Chemin-Petit äußert in einem Gespräch mit Karla Höcker (4): “ […] Diesem großen Meister verdanke ich, daß ich auf die dirigentische Laufbahn geriet; er hat mich nach dem Eindruck meines ersten Konzertes mit dem Berliner Philharmonischen Orchester weitgehend gefördert. […] 
[…] Bei Kriegsausbruch mußte mein Freund, Bernhard Henking, innerhalb von 48 Stunden Magdeburg verlassen, um seinen Wehrdienst in der Schweiz anzutreten. Er hatte aber keinen Vertreter. Beim Abschied am Zuge bat er mich, ihn bei den beiden Chören, die damals schon einen Namen besaßen, als Leiter zu vertreten. Das waren der Reblingsche Oratorienchor und der dortige Domchor. Ich war damals auf eine solche anspruchsvolle Position keineswegs vorbereitet, aber ich konnte mich schnell einfinden, und zwar vor allem, weil mir aus dem Kreis der Mitglieder und der Chorvorstände viel Hilfe zuteil wurde. […] 
[…] Die Übernahme des Philharmonischen Chores Berlin brachte die Spezialisierung als Dirigent oratorischer Werke. Zuvor hatte ich in zahlreichen Gastdirigaten symphonische Literatur in größerem Umfang interpretiert. In Konzerten der Berliner Staatskapelle, der Münchner Philharmoniker, des Gewandhaus-Orchesters, des Symphonischen Orchesters Berlin (mit dem er Uraufführungen eigener Kompositionen leitete, d. Red.) und vieler anderer habe ich zum Beispiel alle Beethoven-Symphonien, Brahms, Tschaikowsky , Reger, Bruckner, Haydn, Mozart und Bach dirigiert. Ja, ich habe einmal in Memel sogar Die Fledermaus einstudiert und geleitet. Es wäre zu weit führend, alle Verpflichtungen an den deutschen Sendern zu nennen. Aber ich möchte nicht unterlassen, auf unvergeßliche Erlebnisse, die mir das Musizieren mit den Berliner Philharmonikern brachte, besonders hinzuweisen. […] „
 
Die Aufführung der Fledermaus in Memel 1942 machte Furore. “ […] Der wahre Zaubermeister gestaltete eine unübertreffliche Einheit und Leistung, die das Publikum auf das Stürmischste umjubelte und die Vorhänge kein Ende nehmen wollten. […] „
 
1940 erhielt Chemin-Petit nach einer Aufführung des Requiem von Brahms einen Brief von Siegmund von Hausegger mit der Betrachtung, “ […] daß die Wiedergabe nicht auf den Bahnen der Tradition gewandelt war, sondern sich als neu erlebt erwies im Eindruck persönlicher Eigenart ohne aufkommende persönliche Willkür. […] „
 
Nach Kriegsende erweiterte sich Chemin-Petits Konzerttätigkeit vor allem in Potsdam und Berlin, aber auch in Magdeburg. “ Ein erstrangiges musikalisches Ereignis war das Sinfonie-Konzert der Staatskapelle in der Deutschen Staatsoper. Hans Chemin-Petit, den Potsdam mit Stolz zu seinen Söhnen zählt, ließ drei Werke erklingen, von Bach, Mozart und Brahms. Jedes der drei Werke schuf er in unvergeßlicher Weise nach, ihnen ihre volle Eigenart lassend, und doch zugleich den Stempel seiner genialen Persönlichkeit gebend, eine Tat, die nur einem Künstler gelingt, der wie Chemin-Petit auch als Schaffender in die letzten Tiefen der Satzkunst gedrungen ist. […] “ (5)
 
Eine andere Stimme, die sich auf die Wiedergabe des letzten Satzes der
1. Symphonie von Brahms bezieht: “ […] Chemin-Petit hatte die ganz große Fähigkeit, Thematik und Abläufe, die ganze Lebendigkeit, das Voranstürmen des jugendlichen Brahms, immer in der Besonderheit des zwischen Himmel und Erde, – das Entrücktsein erscheinen zu lassen und dieser Musik ihren Stempel zu geben.“
 
In der Aufbruchzeit nach dem Kriege war Chemin-Petit federführend in das Musikleben von Potsdam eingebunden. Aufführungen mit dem Städtischen Chor sowie dem Collegium musicum, das er gleich nach Kriegsende gründete, Gastspiele mit Berliner Orchestern und dem Philharmonischen Chor brachten ihm weiteres Ansehen in seiner Vaterstadt. In Berlin nahm der Philharmonische Chor im Arbeitsleben Chemin-Petits großen Raum ein. Bereits am 8. November 1946 trat der Philharmonische Chor mit einem A-cappella-Konzert des Kammerchores in die Öffentlichkeit, und am 24. November 1946 konnte die erste Oratorium-Aufführung mit dem Requiem von Mozart in der Marienkirche im östlichen Teil der Stadt erklingen, – ungeheizt, mit kaputten Fensterscheiben, – gefolgt vom Messias (Händel) am 15. Dezember 1946 – Ereignisse, die eigentlich unmöglich erschienen. Schon 1947 konnte der Chor vier Oratorien-Aufführungen einstudieren und stattfinden lassen, was fortan zur Tradition werden sollte.
 
Außer der Marienkirche standen im zerbombten Berlin die Kirche am Südstern und der Titania-Palast für Aufführungen zur Verfügung. Hinzu kamen später der neugebaute Konzertsaal der Hochschule für Musik (1954) und der Neubau der Philharmonie (1963).
 
Das letzte Gastspiel des Philharmonischen Chores in Potsdam konnte 1950 aus Anlaß des Bach-Gedenk-Jahres mit der Hohen Messe in h-moll gegeben werden, und ein Jahr später sang der Chor als Sonderkonzert des Deutschen evangelischen Kirchentages in der Marienkirche ebenfalls die h-moll-Messe. Dafür bedurfte es einer speziellen Genehmigung durch den West-Magistrat der Stadt. „Was ich habe hören können, war großartig in seiner Beschwingtheit und Tiefe. Das dankt nicht nur dem seligen Johann Sebastian, sondern heute vor allem Ihnen Ihr Dibelius 14.7.“ (6)
 
Trotz der bestehenden widrigen Umstände – so besonders durch den Bau der Berliner Mauer 1961, durch den dem Chor dreißig Prozent seiner singenden Mitglieder verloren gingen – gelang es Chemin-Petit, den Chor wieder zu stabilisieren.
Gastkonzerte führten den Philharmonischen Chor mehrmals nach Hannover, Weimar 1955 (Festtage Zeitgenössischer Musik), Bonn 1965 (Beethoven-Fest) und zu den Olympischen Spielen nach München 1972 (Mitwirkung im Kulturprogramm der Spiele).
In einer Kritik nach der Missa solemnis in Bonn kann man lesen, “ […] daß der Philharmonische Chor Berlin heute zweifellos wieder eine der führenden Konzertchorgemeinschaften ist und – es kann kein Zweifel mehr bestehen, – daß Hans Chemin-Petit zu den bedeutendsten Chorleitern der Gegenwart gehört. […] „
 
Zu den herausragenden Ereignissen der Choraufführungen gehörten 1958 die Erstaufführung von Boris Blachers Der Großinquisitor, 1967 die Erstaufführung der Neufassung von Wilhelm Furtwänglers Te deum, im Rahmen der Berliner Festwochen 1968 Rudolf Wagner-Régenys Genesis, 1972 in den Berliner Festwochen von Günter Bialas Meditation und Preisungen, daneben die Jiménez-Kantate von Harald Genzmer, beides Erstaufführungen für Berlin, im Festkonzert aus Anlaß des 75. Geburtstages von Hans Chemin-Petit 1977 hat der Chor unter der Leitung des Komponisten seine Dramatische Kantate Kassandras Tod konzertant uraufgeführt.
 
Neben der Missa solemnis von Beethoven und dem Deutschen Requiem von Brahms galt für Chemin-Petit die Carmina burana als Paradestück des Philharmonischen Chores mit entsprechendem Echo beim Publikum und bei der Presse.