Persönlichkeit

1977 Foto: Karin Gaa Berlin

“ […] Wer Hans Chemin-Petit begegnete, tat 
gut daran, sich von vornherein darauf einzu
stellen, daß er einem Herrn von Welt, einem 
Kosmopoliten alter Schule begegnen würde, 
der es verstand, Noblesse und Sanftmut, 
Heiterkeit und strenge Urbanität miteinander 
zu vereinen. […] Hans Chemin-Petit, der lang-
jährige Direktor unserer Abteilung Musik, war 
ein Herr, der das Versöhnlich-Pragmatische 
liebte und Ideologien mißtraute, und er war 
zu gleicher Zeit ein Zauberkünstler sui generis, 
- eben ein Künstler von Rang. […] „

Walter Jens: Zum Geleit, in: Hans Chemin-Petit, 1902-1981.
Dokumente zu Leben und Werk, zusammengestellt und doku- 
mentiert von Vera Grützner, hrsg. von der Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin 1994.

Hans Chemin-Petit war kein Spezialist, kein auf eine einzige Disziplin beschränkter Virtuose. In ihm lebte die natürliche Einheit des ausübenden und des schaffenden Musikers. Die Persönlichkeit ist gebildet und gefestigt durch einen reichen Besitz an erworbener Tradition sowie willig erlebten und mitvollzogenen Wandel der Zeit. Sie bezeugt sich auch, selbstsicher und gegen die Versuchungen einer zu Negation und Untergangspathos neigenden Epoche gefeit, in dem Grundklang einer lebens- und geistgläubigen Heiterkeit, welche der Mehrzahl der religiösen und weltlichen Werke gemeinsam ist. Er hatte ein bekenntnishaftes Musikverständnis und eine, den Menschen bewegende Musizierpraxis.

Aus der Vielzahl charakterisierender Zeugnisse seien einige genannt. Man liest von gewinnender Menschlichkeit, absolut überzeugender künstlerischer Autorität, Toleranz, bewundernswerter geistiger und menschlicher Ausstrahlung, immer wacher Präsenz, Klugheit, von schneller Fähigkeit, Stellung zu nehmen, entschieden zu sein und das von ihm Gesagte voll zu vertreten. Er war flexibel und charmant. In tiefem Ernst, aber auch für alle mit erquickender Heiterkeit, forderte er viel, aber er gab auch viel. Er war schwungvoll inspiriert und inspirierend, ein besessener Künstler und liebenswerter Mensch, voller Ideenreichtum, mit diplomatischem Geschick begabt.

In einem frühen Brief von Siegmund von Hausegger (1940) ist zu lesen: “ […] Sie haben mir die große Freude bereitet, mich über Dinge, die mir seit Jahrzehnten am Herzen liegen, einem jungen Künstler gegenüber aussprechen gekonnt zu haben, der wie Wenige Begabung mit höchstem Streben verbindet. […] „

Aus einem Nachruf von Werner Oehlmann zitiert: “ […] In ihm verlieren wir nicht nur einen Meister inspirierter, stilsicherer Interpretationen, sondern eine Persönlichkeit von unverwechselbarer und unersetzlicher Eigenart, eine reiche, vielseitig ausstrahlende künstlerische Individualität. […] “ (1)

“ […] Der Abschied von Hans Chemin-Petit ist ein Einschnitt im Musikleben der Stadt, denn mit ihm haben wir eine musikalische Institution verloren. […] “ (2)